Bilder - Stadtleben
In den Bildern Stadtleben, Moskau und Berlin suche ich nicht nur die Verbindung von bewegter Figur und statischer Architektur. Sondern hauptsächlich ihre Eigenheit und Besonderheit. Des Orts, der Leute, der Nationalität. Ihre Gegenwart und Vergangenheit.
Karlovy Vary
Doris Windlin: Eine unglaubliche Geschichte/ oder Zwei Malerinnen in Karlovy Vary
In diesem Jahr lagen zwei Tschechische Städte Karlovy Vary (auf Deutsch Karlsbad) und Prag auf unserem Mal-Plan.
Auf unserem? Ja damit meine ich Kateøina Rutherford von uns kurz, Katka genannt ist Mitglied unserer Malgruppe Experiment 2, hier in Tschechien. Um zu malen, kam Katka extra aus den USA angeflogen, wo sie in den letzten Jahren lebt. Für mich war es das erste Mal, dass ich auf meinem Städte Mal -Trip nicht alleine war.
Karlovy Vary ein sehr bekannter Kurort mit salzig heissem und kaltem Mineralwasser bis zu 12 Brunnen sind es, die einfach so aus dem Boden sprudeln. Gesund und gesundheitsfördernd. Genau der richtige Ort für zwei Malerinnen um eine Kehrwende in ihrem Maler-Leben einzuführen. So dachten wir zumindest. Aller Vorsätze treu machten wir uns gleich an die Arbeit, Katka, wollte mir zuerst den Ort ein bisschen Näher vorstellen. Zuerst schauen gehen und dann entscheiden wir, wo wir malen. Und das kleine typische Krüglein mit dem gekräuselten Henkel war schon in der Tasche. Bei der ersten Quelle wurde es dann her vorgenommen und gefüllt. Ein Schluck und ein Geschrei! Aber nicht von mir, sondern von der Katka, denn natürlich hatte ich das Krüglein beim verschnörkelten Henkel gehalten und wie aus einem Bierhumpen getrunken. Nur 70 Grad heisses Heilwasser, ist etwas viel, auch für mich! Der verschnörkelte Henkel stellte sich dann als ein „Trinkhalm“ heraus. Denn es kühlt im selben Augenblick das Wasser, wenn man an „diesem Henkel“ das Wasser heraus saugt. Wie sollte ich das wissen? Versuchte ich mich zu verteidigen. Hier in Karlovy Vary ist ja alles verschnörkelt, die weissbemalten in Holz geschnitzten 100 meterlangen Kolonnaden, einfach so, nur um schön zu sein! Da braucht die Verzierung ja auch keinen tieferen Zweck!
Beim Spaziergang durch die Stadt kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Diese verschieden angelegten Parks mit den leuchtenden Blumenrabatten und weiss bestrichenen Bänken die zum verweilen, plaudern, lesen oder einfach an der Sonne sitzen und salziges Wasser schlürfen, einladen. Und in der Mitte, einer dieser stolzen Statuen, die alles mit gelassenem Schweigen beobachtet. Etwas von dieser Stimmung und Ausstrahlung habe ich schon in einer Weltstadt gesehen. Nur ist hier alles viel kleiner, niedlicher und harmloser und natürlich auch übersichtlicher. So erstaunt es mich nicht, dass so viel Russisches Volk sich von dieser Atmosphäre angezogen fühlt.
Was meine Malarbeit der Stadt- Themen betrifft, habe ich ja schon Vorarbeit in Berlin und in Moskau geleistet.
So stellte ich mich mit der Staffelei ganz in die Nähe des Altan auf, bei der sogenannten „Schlangenquelle“. Und beobachtete die Kurgäste wie sie Schlangenstehend oder geduldig langsam zur Quelle schlendernd jeder sein Krüglein füllte, davon tranken und sich wieder in alle Winkel der Stadt zerstreuten. Farbfleck um Farbfleck versuchte ich die Leute festzuhalten und dazu mit der ganzen Jugendstil Architektur des Altans - keine leichte Aufgabe.
Anderntags am Mittwoch, stellte ich mich direkt an den Rand der Flanierstrasse. Malte den Blick zur Kirche der hl. Magdalena und dem Terminal, mit all der typischen Kurort Architektur und all den Leute die mir entgegen strömten. In Traubenform mich einkreisten und neugierig über die Schultern schauten, in allen Welt- Sprachen Fragen stellten, Fotos knipsen oder gar ihre Videokamera aufstellten.
Nachmittags schon etwas mutiger, stellte ich mich zur Strasse hin. Fing den Blick, über die Flussbrücken nachhinten zu den vielfältigen Häuserfronten und dem Nobelhotel Pupp ein. Hinter der ganzen „Häuser Zeremonie“, die romantische Hügellandschaft mit dunkeln bewaldeten Hängen die von vielen Kilometer langen Waldwegen durchzogen sind. Eine unglaubliche Kombination für eine Stadt, nicht nur farblich! Und wieder vorne im Bild die Menschen die vor Schaufenster verweilen und in eleganter Sommermode Promenieren und so alles noch farbiger und lebendiger gestalten.
Der Tag hat gut angefangen, mit zwei Stadtansichten mitten im Kur -leben, und so freute ich mich auf die kommenden Tage, auf meine Mal- Arbeit.
Der Tag hat gut angefangen, mit zwei Stadtansichten mitten im Kur -leben, und so freute ich mich auf die kommenden Tage, auf meine Mal- Arbeit.Doch zurück zu den Tatsachen.
Der Mittwochmorgen begann etwas harzig, aber gemalt wurde trotzdem, den ganzen Tag! Mit dem Hintergedanken, diesmal früh zu Bett zu gehen.
Sonniger Donnerstagmorgen und Polizisten in Blau
Frisch und voller Tatendrang starteten wir den Donnerstagmorgen. Draussen auf dem Gehsteig, stellte ich mit grosser Vorfreude die Leinwand auf die Staffelei, drückte die Öl- Farben auf die Palette, und wollte schon mit den Farbflecken mein Bild auffrischen.
Als zwei Polizisten in Blau und auf dem Fahrrad auf mich zu kamen und mich aus meinen Gedanken heraus holten.
P. „Guten Tag. Haben sie eine Bewilligung?“
D. „Eine Bewilligung für was?“
P. „Für den Quadratmeter auf dem sie stehen!“
D. „Was, ich soll eine Bewilligung haben, das ich malen hier kann? Sie machen wohl scherze, nicht wahr?“
P. „Nein, das ist kein Scherz, sie müssen eine Bewilligung vorweisen können.
D. „Sowas ist mir aber ganz neu, ich malte schon in der Stadt Berlin, war in Moskau, und auch in der Schweiz kann man malen wo es etwas zu malen gibt. Aber sowas habe ich noch nie gehört!“
P. „Doch hier müssen sie eine Bewilligung haben, für diesen Quadratmeter den sie zum Malen benützen“.
So versuchte ich es noch anders: „Und kann ich hier malen, wenn ich ganz nahe bei der Hauswand stehen würde?“
„Nein, zuerst müssen sie die Bewilligung einholen“ waren die definitiven letzten Worte der Polizisten und stiegen wieder auf ihre Fahrräder.
Katka kam erst dazu, als ich Kopfschüttelnd und deprimiert meine Malsachen zusammen packte. Sie glaubte an einen Spass, und sah die Polizisten nur noch von hinten als blauer schwindender Punkt. Aber der Kellner vom Cafe neben an, konnte der Katka bestätigten das diese kuriose Situation sich eben auch vor seinen Augen abgespielt hat.
Ab aufs Amt und die Ämter
1. Station: Polizisten zu Fuss auf der Strasse
Als wir uns auf den Weg machten, begegneten wir zwei Polizisten, die zu Fuss unterwegs waren. Katka stürzte gleich auf sie zu und begann: “Guten Tag! Wir haben ein Problem, können sie uns helfen? Wir haben eine Staffelei und malen hier an der Flanierstrasse und jetzt wurde uns von zwei Rad fahrenden Polizisten, das Malen verboten. Wir müssten zuerst eine Bewilligung einholen, hiess es.“ Etwas Ratlos schauten sie sich die zwei Polizisten an, und die Lösung: „Hören sie, wir geben ihnen die Telefon Nummer von der betreffenden Polizeistelle, so rufen sie doch einfach an, und erkundigen sie sich danach!“
„Super! Herzlichen Dank!“ Katka wählte gleich die Nummer und als sie eine Stimme am anderen Ende meldete, schoss Katka gleich los: “Guten Tag. Wir haben ein Problem, wir haben eine Staffelei und ……“ , und sie wurde unterbrochen. Vom anderen Ende hiess es: „Entschuldigen sie, aber sie haben die Notfall Nummer gewählt, wenden sie sich bitte an die direkte Polizei Stelle.“ Also machten wir uns auf den Weg.
2. Station: Polizeirevier- Abteil des öffentliches Verkehrs.
„Guten Tag, was für ein Auto haben sie?“ Katka: „Nein wir haben kein Auto aber eine Staffelei und malen an der Flanierstrasse und wir sollen hier die Bewilligung einholen“. Der hinter Glas ausgestellte Polizist: „Hier ist das Abteil für den öffentlicher Verkehr – Einfahr- Bewilligung für die Autos“. Katka: „Ja das wissen wir, aber wir wurden hierher verwiesen“. Der Polizist:.„Verkaufen sie was?“ Katka:„Nein, wir verkaufen nichts, wir malen nur.“ Dem etwas hilflosen Polizisten, kommt ein anderer zur Hilfe, der seiner Sache sicher war und uns belehrt: „Wissen sie, wenn sie eine Kühltruhe auf der Flanierstrasse aufstellen, müssen sie für die Quadrat Meter den die Kühltruhe einnimmt, auch bezahlen!“ Wir machten grosse Augen und Katka schluckte leer und so wurden wir zur Stadtverwaltung Abteil für den öffentlicher Verkehr weiter geschickt.
3. Station: Stadtverwaltung Abteil öffentlicher Verkehr
Bei der Rezeption das gleiche Vers `lein, jetzt zum vierten Mal. „Guten Tag! Wir haben eine Staffelei und…..“ Nach mehreren Telefonaten werden wir in die obere Etagen verwiesen. Die junge Frau an der Rezeption ruft uns noch nach: „ Nehmt nicht den Fahrstuhl, der geht viel zu langsam, sonst kommt ihr nie an“. So liefen wir alle Treppen hoch um alle Ecken und Winkel und endlich haben wir sie gefunden, die Dame Š. der vierten Station!
4. Station: Stadtverwaltung Abteil für den öffentlichen Verkehr!
Die Dame Š. vom Amt fragt freundlich:„Kann ich euch helfen?“
Katka: „Ja, wir haben eine Staffelei und….“
Dame Š. selbstbewusst: „Ja natürlich brauchen sie eine Bewilligung! Ihr müsst für den Quadratmeter Boden Miete bezahlen, auf dem ihr steht, wenn ihr malt. Und der kostet 20 Kè pro Tag, und ihr seid hier auch nicht registriert! Wenn ihr wenigstens 12 Maler wäret, so könnte ich euch unter diesen Paragrafen der Porträtmaler nehmen, die während der Filmtage immer in Karlovy Vary malen. Aber da ihr nur zu zwei seid, geht das leider nicht, tut mir leid!“
Katka: „ Wir verkaufen doch nichts, wir malen einfach nur unsere Bilder draussen vor dem Motiv.“
Die Dame Š.: „Das hat nichts zur Sache.“
Katka: „ Aber wenn wir dort ausserhalb der Touristenzone malen würden, dort oben bei den Plattenbauten, müssten wir dann auch eine Bewilligung haben?“
Die Dame Š. : „ Ja klar auch dort braucht ihr eine Bewilligung, überall in der ganzen Republik!“
Mir platzt der Kragen: „Das glaube ich nicht, ich malte in Berlin in Moskau in der Schweiz, nie habe ich so einen Blödsinn gehört!“ Aber die Dame bleibt unbeeindruckt.
Katka doppelt nach: „ Auch Lebeda* malte hier!“ (* Lebeda, gehört zu den Tschechischen Impressionisten und war Zeitgenosse von Slavièek!)
Da die Dame die unter dem Begriff, Lebeda vermutlich eine Krankheit vermutete, wies sie Katka zurecht „ Erhöhen sie bitte nicht ihre Stimme!“
Dann wurde die Dame Š. wiederum sachlich: „Also wenn ihr jetzt ein Gesuch einreicht, dass ihr hier in Karlovy Vary malen wollt, bekommt ihr in 30 Tagen eine positive Antwort, und ihr könnt hier malen“
Katka: „Was erst in 30 Tagen!!! Da sind wir schon lange nicht mehr hier, wie brauchen doch nur noch zwei Tage um unsere Bilder zu beenden, nichts Weiteres.“
Und toppelte noch trotzig nach: „Dann malen wir halt ohne Bewilligung“
Die Dame Š.: „Dann müsst ihr aber mit einer Busse von 2000.- Kè rechnen.
Ich sitze da und gebe keinen mehr Ton von mir. In mir tobt ein emotionaler Wirbelsturm von Wut und Trauer.
Kurz vor der Kapitulation, macht Katka noch einen weiteren Versuch: „ Also was hätten sie den in unserer Situation gemacht?
Die Dame Š. setzte ein mildes mitleidiges Lächeln auf: „ Ach, die Polizisten waren viel zu konsequent, sie hätten halt ihren Scharm einsetzen müssen, ihr seid doch noch jung, nicht wahr?“
Das war jetzt zu viel, mir stieg alles Blut in den Kopf.
Die Dame Š. wendete sich mit ihrer sanften Stimme uns nochmals zu: „ Kann ich noch etwas für euch tun?“
„Nein, nichts mehr! Aber Wein, das brauche ich jetzt!“ Entgegnete ich ihr ohne Scharm und etwas schroff und verliess ihr Büro fluchtartig.
Die 5. Station Irrenstation oder das Gefühl dort angelangt zu sein.
Im Cafe Becherovka bestellte Katka zwei Glas Wein und zwei Eisbecher. Ich spülte meine Tränen mit meinen und Katkas Wein herunter und Katka ihren Frust mit zwei Eisbechern. Ich sass da, und mein ganzes Malerleben breitete sich in seiner voller Realität vor mir aus, mit all seinen Schwierigkeiten und Überlebungskämpfe. Das alles wurde aber getragen von Unbezahlbaren Freiheit. Freiheit, das zu malen wonach ich Lust habe und dort spontan zu malen, wo ich malen möchte. Und jetzt? Jetzt soll man noch das letzte und wertvollste Opfern, diese Freiheit? Ich in Tränen aufgelöst und Katka aktiv, telefonierte, erkundigte sich um unseren Sachverhalt. Sie telefonierte auch unserem neuen Bekannten A., der das Ganze für einen Übeln Scherz hielt, aber in ein paar Minuten später uns mit dem Auto abholte und uns in unsere Stammkneipe zu Johny führte. Der Beizer bespickte unsere Erlebnisse noch mit seinigen pikanten Geschichten, und so wurde rege diskutiert. Nur ich sass da, ganz als ob man mir die Seele genommen hätte, so ich war sicherlich eines der erbärmlichsten Gestalten die Karlovy Vary so öffentlich gesehen hat. A. dem das ganze unwirklich schien, rief dem Vize Bürgermeister an, und erklärte unseren Sachverhalt. So bekamen wir von oben direkt die Bewilligung, dass wir am Nachmittag weitermalen können. Erleichtert aber innerlich ausgelaugt und ausgeheult, stellte ich mich am Nachmittag wiederum an den Strassenrand um zu malen. Aber irgendwie suchten meine Augen immer wieder in der Weite ein paar blaue Punkte um zu vergewissern, ob alles in Ordnung ist. Nur noch zwei Tage blieben uns um diese im Ganzen ziemlich komplizierten Bilder zu beenden. Jedes Mal, jetzt, wenn die Polizei mit dem Auto langsam vorbei fuhr, oder zu zweit, zu Fuss vorbei marschierten, setzte für Augenblicke mein Atem aus, aber niemand schien uns jetzt zu beachten. Herzlichen Dank an unsere Engel im Hintergrund!
Am Sonntag verabschiedeten wir von Karlovy Vary und auf dem nach Hause Weg erreichte mich ein sms von Zuzana D. die alle Paragrafen ausfindig machte und folgendes fand. Sie haben das Recht sich auf den öffentlichen Platz zu bewegen, wenn sie nicht einschränkend durch ihren Aufenthalt andere in ihren Recht beeinträchtigen und diese nicht gefährden an Gesundheit und Leben. Und in diesen Raum nicht für ihre und andere gewerblichen Tätigkeiten bereichern.
Bemerkung:
Tage später, als ich mit Katka schon in Prag malte erreichte uns eine Mitteilung aus dritter Hand. Das am 12. 7. 2011, also nur ein paar Tage vor unserer Ankunft in Karlovy Vary wirklich eine neue Verordnung in Kraft trat, das nur Kalovy Vary betraf. Diese Verordnung betraf aber nur Dreharbeiten von Filmen, TV- Programme. Aber nicht das Malen im Freien! Damit entschuldige sich die Polizei, und es würde nicht wieder vorkommen. Und vermutlich werden sie jetzt endlich die neuen Verordnungen auch wirklich lesen müssen!
Schlusswort:
Es war nicht meine Absicht, irgendwelche Berufsgattung lächerlich zu machen oder peinlich darzustellen. Ich wollte nur unsere paradoxe Situation wieder geben, die sich wirklich so abgespielt hat. Wie ist unsere Zeit zu verstehen, wenn man sich als Malerin bemüht, gute und ehrliche Arbeit zu schaffen, direkt vor dem Motiv. Und die Umgebung nimmt alles gleich als Profit und als Geschäft wahr? Wer hat schon einmal Einblick in ein Maleratelier erhalten? Und gesehen wie viele Bilder sich dort ansammeln, mit der Zeit? An denen scheinbar niemand Interesse hat? Und hängt man deshalb diesen Maler Beruf an den Nagel? Nur weil er schwer ist? Nein, weil der Maler der Kunst zu dienen hat und nicht der Wirtschaft! Und wo haben sich alle unsere Zeitgenössischen Maler verschanzt, dass man schon als Kuriosität oder als Störenfried gilt, wenn man noch draussen vor dem Motiv, mitten in dem Menschen Gewimmel, seinen Platz mit der Staffelei einnimmt?
Doris Windlin Oktober 2011
Moskauer Splitter
Moskau 2009
Ausstellen und Zeichnen in Moskau
Kam Ihnen schon mal in den Sinn, in Moskau im Zentralhaus der Künste eine Ausstellung zu haben? Mir nicht! Aber Bohumil Fiala fädelte es ein. Damit erhielt ich die Chance, meine Bilder in der russischen Metropole zu zeigen, und es ermöglichte mir ausserdem, diese ungewöhnliche Stadt mit meinem Skizzenbüchlein zu erkunden und erforschen. Ich zeichnete bei jedem Wetter, in der Stadt, an der Metro, am Strassenrand, im Park, überall dort wo ich stehen konnte.
Szenen und Situationen aus dem Grossstadtleben
Alles ist in Bewegung, und immer! Die Blechkolonnen wirr durcheinander, Massen von Menschen auf den Gehsteigen. Ein Ameisengewimmel als Herausforderung für die Zeichnende. Da die Moskauer sich kaum je an eine abgemachte Zeit halten, warten die schönsten Frauen länger als irgendwo sonst auf ihren Geliebten. Aber auch den Männern geht es nicht besser. Entweder man hat Zeit in Fülle, oder gar keine!
Die Häuserreihen fügen sich endlos aneinander, Kabel durchziehen das Bild, endlos in der Luft vernetzt. Ein Paradies für die Malerin auf der Suche nach Inspiration! Am Ende der vier Wochen hatte ich um die neunzig Zeichnungen, Postkartenformat, Bleistift auf Papier.
Die Arbeit im Atelier
Die Ausstellung im Zentralhaus der Künste war ein Erfolg und ein gutes Erlebnis. Zurück in Podevousy arbeitete ich in meinem Atelier weiter an den Motiven. So entstand im Winter 2009/10 eine Serie von 20 Moskauer Bildern, Öl auf Leinwand, Format 40 x 50 cm, nach den Zeichnungen und bleibenden Eindrücken aus Moskau.
Der Schriftsteller und die Malerin
Ideen denkt man nicht aus, man findet sie! Während unserer Streifzüge durch Moskau – Bohumil Fiala zeigte mir jede erdenkliche Ecke, damit ich einen Gesamteindruck bekam – erfuhr ich nach und nach etwas über seine Arbeit, sein literarisches Schaffen. Er verheimlicht es eher, als dass er sich dafür lobt. Doch sind von ihm zwei Fachbücher auf dem Markt, in Tschechisch und Englisch, ein drittes ist in Arbeit. Ausserdem drucken tschechische Zeitschriften seine Artikel über Moskau.
Da fanden wir die Idee: Warum nicht zusammen eine Broschüre über Moskau machen, er mit seinen treffenden, erlebten Texten und Berichten, ich mit meinen aus eigenem Erleben gewonnenen Bildern. Eine Zusammenarbeit zwischen dem Schriftsteller und der Malerin, „Moskauer Splitter“ sollte der Titel sein.
Von der Broschüre zum Buch
Wie die Idee sich formt, so beginnt sie auch zu wachsen. Bald zeigte sich, dass eine Broschüre als Form nicht reicht. Es wird ein Buch, und es wird dreisprachig, deutsch, tschechisch, russisch. Nun fragen Sie nach der Finanzierung? Keine Angst, unser Sponsor – typisch, nicht wahr? – ist der russische Vodka Stolichnaya.
Und ausserdem
Die „Moskauer Splitter“ sind möglicherweise der Anfang eines grösseren Projekts. Es ist verlockend, denn so wie wir die Stadt Moskau in Wort und Bild neu erkunden und auf unsere eigene Art neu erleben, so sollten wir es doch sicher auch mit anderen europäischen Städten tun.
D. Windlin
August 2010
Malen in Berlin

Ich melde mich aus Berlin zurück. Es war einfach genial – ausser dass ich zwei Wochen fast ununterbrochen gefroren habe. Der kalte Mai und die Unterkunft im Wohnwagen mitten in Berlin machten mir zu schaffen. Ich war auf Sommer eingestellt und hatte entsprechende Kleider dabei. Dazu einen dünnen Schlafsack bei durchschnittlich zwölf Grad. Richtig warm wurde es nur abends im Schlafsack, mit zwei Wolldecken und Storenstoff beschwert.
Die erste Woche verbrachte ich mit Erkundungstouren durch die verschiedenen Quartiere. Ich sammelte Eindrücke und liess die Stadt auf mich wirken. Die restliche Zeit habe gemalt was das Zeug hielt. Direkt in der Stadt, direkt vor dem Motiv. Auf dem Stühlchen sitzend, eingehüllt in so viel Kleider, dass ich mich noch gerade bewegen konnte.
In der kurzen, intensiven Arbeitsphase entstanden 21 kleinformatige Ölbilder aus verschie-denen Stadtwinkeln: Vom berühmten Alexanderplatz zum Bahnhof Mitte und der Gegend um den Fernsehturm. Neue und alte Architektur, frisch Renoviertes neben Abbruchliegenschaf-ten, alles nebeneinander. Passanten und Touristen zogen vorbei und knipsten Fotos, um eine typische Berliner Malerin in ihrer Sammlung zu haben. Sie schauten auf mein Bild, gaben einen kurzen Kommentar, lächelten und waren schon wieder weg.
Eine Begegnung brachte mich etwas aus der Fassung: Zwei kleine Mädchen auf Rollschuhen zogen an mir vorbei. An der nächsten Ecke steckten sie die Köpfe zusammen. Sie kamen zu mir zurück und streckten mir schüchtern eine Hand voll Kleingeld hin!
Wehmütig und schwer schleppend, dabei glücklich und mit der Gewissheit, irgendwann zu-rückzukehren, verliess ich nach zwei intensiven Wochen diese herrliche Stadt mit ihren vie-len verschiedenen Gesichtern.
D. Windlin
Ende Mai 2010

